
Henry Dunant geriet am 24. Juni 1859 auf das Schlachtfeld von Solferino. Seine Erlebnisse waren so eindringlich, daß er - zurück in seiner Heimatstatdt Genf - seine Erinnerungen niederschrieb. Im Jahre 1862 erschien sein Buch: "Eine Erinnerung von Solferino".
Er schilderte nicht nur seine Erlebnisse, sondern machte auch konkrete Vorschläge für die Zukunft. Diese Vorschläge mündeten 1864 in das Erste Genfer Abkommen zum Schutz von Soldaten in Kriegszeiten. Seine unermütliche Arbeit mündete auch in die Gründung des Roten Kreuzes, ebenfalls im Jahre 1864.
Im Jahre 2009 feiern wir den 150. Jahrestag der Schlacht von Solferino. Noch heute sind rund 97 Millionen Menschen weltweit in der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung den Ideen die Henry Dunant vor rund 150 Jahren hatte, verbunden.

Jeder Rotkreuzler sollte einmal da gewesen sein! Wo? In Solferino und Genf natürlich. Die Hauptstätten der Gründung der Rotkreuz-Bewegung.
Am frühen Morgen des 7. Oktober 2010 machten sich 43 Rotkreuzler aus dem Oldenburger Land und deren Gäste aus dem Landesverband Hamburg auf, um den Spuren von Henry Dunant zu folgen. Am Nachmittag erreichten wir unser erstes Ziel. Die Ausstellungsräume des BRK-Kreisverbandes Nürnberg wurden besichtigt. Die umfassende Sammlung des Museums wurde durch viele Hinweise der Museumsleitung erläutert. Dann kam ein "Kurztripp" zu unserem ersten Hotel in der Nähe von Nürnberg.

Der zweite Tag war zunächst durch die lange Anreise nach Solferino geprägt. Aber als wir dann die Stätten der Schlacht von Solferino erreichten, waren alle gerührt von dem Rotkreuzgeist der uns in diesem kleinen Ort begegnete. Durch die umfassende und lustige Führung von Gästebetreuer Stephano Muti vom örtlichen Verkehrsbüro konnten wir eintauchen in die Umstände, die zur Schlacht von Solferino geführt haben. Hier hatte der Genfer Kaufmann Henry Dunant, der zur Zeit der Schlacht auf der Suche nach Napoleon III war, also die Idee zur Gründung einer unabhängigen Hilfsorganisation. Aus dieser Idee wurde später das Rote Kreuz. Zu sehen gab es viel: zunächst die grandiose lombardische Landschaft mit ihren kleinen Bergen und Tälern, den "Spion von Italien", die Knochenkapelle in Solferino und das örtliche Museum. Wie mühevoll mag wohl die Pflege und der Transport der Verwundeten vor 150 Jahren gewesen sein?
Dunant berichtet später in seinem Buch "Eine Erinnerung an Solferino" wie folgt darüber:

„Als einfacher Tourist, und dem Zweck dieses großen Kampfes vollkommen ferne stehend, hatte ich, durch besondere Umstände begünstigt, das seltene Vorrecht, bei dem ergreifenden Schauspiele, das ich hier zu schildern versuchen werde, zugegen zu sein. Ich will übrigens in den folgenden Zeilen nur meine persönlichen Eindrücke wiedergeben [...].
Oestereicher und Alliirte tödten einander auf den blutigen Leichnamen, sie morden sich mit Kolbenschlägen, zerschmettern sich das Gehirn, schlitzen sich mit Säbeln und Bajonetten die Leiber auf: kein Pardon wird mehr gegeben, es ist ein Gemetzel, ein Kampf wilder, wüthender, blutrünstiger Thiere, und selbst die Verwundeten vertheidigten sich bis zum Aeußersten; [...]
Dort findet ein ähnlicher Kampf statt, allein er wird noch schrecklicher durch das Nahen einer Sakadron Cavalerie, welche im Galopp heransprengt; die Pferde zertreten unter ihren Hufen Todte und Sterbende; einem armen Verwundeten wird die Kinnlade zerrissen, einem anderen die Hirnschale zerschmettert, einem Dritten, der noch zu retten gewesen wäre, die Brust eingetreten. In das Wiehern der Pferde mischen sich Flüche, Schmerzens- und Verzweiflungsrufe und Wuthgeschrei."
Nächster Tag : nächster Schauplatz. Hierher also, in die Kirche von Castiglione delle Stiviere, wurden die Verwundeten und Verletzten hintransportiert - auf einfachen Pferdekarren, an Ambulanzen war noch gar nicht zu denken! Hier in der großen Kirche arbeiteten Dunant und die von ihm organisierten Frauen aus dem Ort Castiglione und pflegten die Wunden der Verletzten, gaben ihnen zu trinken und erleichterten so ihre schmerzvolle Zeit.
Dunant schreibt später darüber:

„Bald war ein Kern von solchen Freiwilligen gebildet und die lombardischen Frauen eilten zu denen, welche am stärksten schrieen, ohne gerade immer die Unglücklichsten zu sein; ich für meinen Theil suchte soviel imer möglich die Hülfeleistung in dem Stadtviertel zu organisieren, welches derselben am nöthigsten hatte, und nahm mich besonders einer der Kirchen von Castiglione an, welche auf einer Höhe liegt [...] und die, wie ich glaube, Chiesa maggiore heißt. Mehr als 500 Soldaten waren hier untergebracht und mindestens noch gegen Hundert lagen vor der Kirche auf Stroh und unter den Tüchern, welche man gegen die Sonnenstrahlen ausgespannt hatte. Die pflegenden Frauen giengen hier mit ihren Krügen und Eimern, die mit klarem Wasser zum Löschen des Durstes und zur Befeuchtung der Wunden gefüllt waren, von Einem zum Andern. Einige dieser improvisirten Krankenwärterinnen waren schöne und niedliche junge Mädchen; ihre Sanftmuth, ihre Güte, ihre schönen mitleidigen und mit Thränen gefüllten Augen, sowie ihre aufmerksame Pflege trugen viel dazu bei, um einigermaßen den moralischen Muth der Kranken zu helfen. Die Knaben aus dem Orte kamen und giengen, um von den nächsten Brunnen Kübel, Krüge und Gießkannen mit Wasser nach der Kirche zu tragen. Auf die Wasserversorgung folgte dann die Austheilung der Fleischbrühen und Suppen, deren die Militärverwaltung in großer Menge zu liefern hatte. Ungeheure Ballen von Charie waren da und dort niedergelegt, damit jeder nach Bedürftigkeit davon nehmen könne, aber an Verbänden, Leinwand und Hemden fehlte es allenthalben ..."

Ein Abstecher in das Rotkreuz-Museum von Castiglione durfte natürlich nicht fehlen. Hier zeigt sich der Geist der Rotkreuz-Bewegung in einer eindrucksvollen Ausstellung. Dargestellt wird die Arbeit von Dunant und seiner heute viele Millionen Menschen umfassenden, von Freiwilligen getragenen, Rotkreuz-Bewegung gedacht. Über die Aktivitäten des IKRK wird hier ebenso berichtet, wie die Hilfe des Roten Kreuzes für Minenopfer und von Naturkatastrophen. Auf der kleinen Piazza von Castiglione durfte bei italienische Flair eine Pizza und ein guter italienischer Rotwein nicht fehlen!
Durch den Mont-Blanc-Tunnel ging es am Nachmittag weiter in die Nähe von Genf. Die reizvolle Landschaft auf der Reise bot viele Abwechslungen, von Schnee und gletscherbedeckten Bergen bis zu grünen Tälern mit kleinen Städten, Burgen und Siedlungen in der Ebene.

Am Sonntag hatten wir die "Weltstadt" Genf erreicht: Nicht nur die zwei Rotkreuz-Organisationen, das Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRK) haben hier ihren Sitz. Vor allem Organisationen der Vereinten Nationen sind hier mit ihrem Sitz vertreten. Dazu kommen die Missionen von rund 190 Staaten. Das macht den Reiz dieser Stadt aus. Ein Besuch bei den Vereinten Nationen ließ erahnen, welchen besonderen Stellenwert die Vereinten Nationen im Gefüge der Welt haben und wie sinnvoll die vielfältigen Tätigkeiten sind. Das Internationale Rotkreuz-Museum am Hauptsitz des IKRK zeigt einen Querschnitt durch die Geschichte der Rotkreuz-Bewegung. Hier werden die Tätigkeiten in eindrucksvoller Weise vertieft.

Auf den Spuren von Henry Dunant ging es dann am Nachmittag auf einem Fußweg durch seine Geburtsstadt Genf. Auf diesem Weg lagen dabei das Geburtshaus sowie ein Denkmal und die Büste von Henry Dunant. Vorbei kamen wir auch am Palais de l´ Athénée (Ort der ersten Genfer Konferenz 1863), dem Saal Alabama (hier wurde die erste Genfer Konvention 1864 verabschiedet), sowie dem Museum Rath (Zentralauskunftsstelle für Kriegsgefangene im I. Weltkrieg). Auch an den für Genf typischen calvinistischen Besonderheiten wurden wir vorbeigeführt. Der abschließende Tag wurde ausschließlich zur Rückreise nach Oldenburg genutzt. Müde aber voller Erkenntnisse über die Rotkreuz-Besonderheiten in Solferino und Genf kamen wir nach 14 Stunden Busfahrt wieder in Oldenburg an.
Ein besonderer Dank gebührt für die Organisation dieser Reise dem Ehrenamtsbeauftragten des DRK-LV Oldenburg, Wolfhard Schattner.
Bericht: Martin Schmid
Zitate aus: Eine Erinnerung an Solferino; deutsche, vom Verfasser autorisierte Fassung, nach der dritten Auflage des Original bearbeitet, 1863 [Landesbliothek Oldenburg; Signatur: MB 907]
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